Max' letzte Tage


Wir nehmen sprachlos Abschied von unserem Max.


Nach neun unersetzlichen Jahren mussten wir Max am 15. August 2009 ziehen lassen. Zu unserer leeren Trauer mischt sich stille Dankbarkeit für neun Jahre Frohsinn und gegenseitig unerschütterliche Zuneigung.


Sein fröhliches Treiben, seine unerschöpflich gute Laune und sein Ideenreichtum waren die Taktgeber unseres Alltags. Max füllte jeden Raum und jeden Luftraum unseres Lebens mit seiner unbeschwerten Gegenwart. Jetzt fehlt er uns an allen Enden. Er fehlt seinem Sohn. Er fehlt uns allen.


Max‘ letzter Weg war eine lange Reise, doch eine, die wir dem Reisenarren gerne erspart hätten.

Am 24. Juli wird anlässlich einer Vorsorgeuntersuchung bei Dr. Schiele in Stephanskirchen (Rosenheim) per Ultraschall eine Zyste an der Prostata diagnostiziert. Max muss operiert werden.
Bei der Operation am Dienstag, 28. Juli, die Dr. Schiele durchführt, wird das ganze Ausmaß sichtbar: Vermutlich aufgrund einer länger zurückliegenden Verletzung ist die linke Niere verkümmert, die Milz beschädigt, wodurch sich ein enormer Harnsack ausgebildet hat. Niere und Milz müssen entfernt werden. Max reagiert, wie wir später wissen, allergisch auf ein Antibiotikum, seine Blut- und Harnwerte sind besorgniserregend, die Leber arbeitet nicht. In der Folge überlebt Max ausschließlich durch Infusionen und dem Wissen sowie dem Engagement der Ärzte.

Am Donnerstag, 30. Juli, sind wir und die Ärzte mit unserem Latein am Ende und richten uns auf das Schlimmste ein. Die Rettung bringt ein langes Telefonat von Dr. Schiele mit einem uns befreundeten Humanmediziner über die Möglichkeiten, wenn nichts mehr hilft, vielleicht mit den Mitteln der Homöopathie noch einen rettenden Strohhalm zu erhaschen. Das Wunder wird wahr, Max überlebt die Nacht und stabilisiert sich. Weil Max bisher in der Praxis von Dr. Schiele verblieben war, unser Hotelzimmer mit Treppen ihm aber nicht zumutbar ist, finden wir eine Bleibe im Haus von Max‘ Tochter Chilli (Chrissi) in Aschau am Chiemsee, wo wir eine ebenerdige Wohnung beziehen können. Dass dies das Haus jenes Arztes ist, der für Max die rettende Idee hatte, ist für Max nicht von Nachteil.

Am 3. August ist Max so weit wiederhergestellt, dass wir mit ihm nach Hause können. Am 4. August ist er munter, noch nicht wieder der alte, aber den Umständen entsprechend gut drauf. Am Mittwoch, 5. August, lassen wir bei unserem Tierarzt in Bad Grönenbach eine Blutprobe machen, am 6. August ein EKG. Der Tierarzt empfiehlt, noch einmal ein Antibiotikum zu geben, ein anderes als das unverträgliche.
Die Leukozyten sind an diesem Tag zwar zu hoch, was aber überhaupt nicht zu Maxens Vitalität und Unternehmergeist passt. Er will schon wieder hochspringen und versucht an der Leine durchzustarten, er trabt elastisch nebenher. Stunden ringen wir: Antibiotikum ja oder nein.
Das Unterbewusstsein sagt Nein, die Unsicherheit gibt die Zustimmung.

War das der Fehler? Nach der zweiten Injektion ahnen wir, dass es falsch war, aber es gibt kein Zurück.

Am 8. August verweigert Max den Spaziergang, sein Zustand verschlechtert sich. Sonntag, 9. August: Max geht es schlecht, er hat eine sehr hohe Herzfrequenz, seine Blut- und Harnwerte sind wieder besorgniserregend. Unser Tierarzt in Bad Grönenbach verweist uns an die Tierklinik Babenhausen. Wir entscheiden uns dafür, weil Dr. Schiele in Urlaub ist und wir Max die lange Fahrt nach Rosenheim kaum noch zumuten können. In Babenhausen empfiehlt uns Dr. Medl, Max zu kastrieren. Wir sind fassungslos: einen Hund in diesem Zustand zu kastrieren! Wir lehnen ab. Nach einer weiteren Infusion fahren wir am Mittwoch, 12. August, trotz Dr. Schieles Abwesenheit wieder in seine Praxis. Wieder Infusionen. Wir quartieren uns in einem Bad Aiblinger Hotel mit ebenerdigem Zugang ein. Max ist in einem Zustand zwischen kämpfen und aufgeben. Es geht auf und ab, seine Blutwerte sind schlecht, aber noch nicht hoffnungslos.

Am 13. August bekommt er von seiner Freundin Franzi vom Fuchsiengarten einen halben Liter Blut gespendet, in der Hoffnung, dass Max‘ Körper einen Anschub mit frischem Blut dankend annehmen würde. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Am Freitag, 14. August, hängt Max den ganzen Tag am Tropf, er ist kaum in der Lage ein paar Schritte zu gehen. Max‘ Zustand verschlechtert sich über Nacht weiter, Max erbricht sich mehrmals. Am Morgen des 15. August bringen wir ihn wieder zu Dr. Schiele in die Praxis. Später holen wir ihn zu uns ins Hotel und geben ihm seine Infusionen dort. Aber Max wird stündlich schwächer und erbricht sich immer wieder. Um 19:20 Uhr rufen wir Dr. Schieles Vertreter an – jede Stunde mehr wäre eine Stunde des Leids und eine Stunde ohne Hoffnung. Dr. Coudek kommt ins Hotel. Um 20:00 Uhr schläft Max in unseren Armen ein. Max war schon so schwach, dass es nur eines leichten Flügelschlags bedarf, um ihn davonzutragen.

Am 17. August begraben wir Max in unserem Garten, in einer alten Truhe, auf seinem Lieblingsfell und geben ihm seine Lieblingsspielsachen mit auf den langen Weg.


Wenn wir in unseren Garten gehen, sehen wir unseren Max im Schatten der Obstbäume ruhen, mit Rosen bedeckt, für jedes Jahr eine Centifolia, die neunte mit vielen Knospen für all die Jahre, die er uns nun fehlen wird.

Was bleibt, ist zehrende Trauer und Dankbarkeit. Und natürlich die unvermeidlichen Hätte, Wäre, Wenn und Aber. Hätte Max nicht sein ganzes Leben mit eben diesem gespielt, wäre er nicht einer gewesen, der nur Vollgas und keine Bremse kannte, dann wäre ihm manche Kerbe erspart geblieben, vermutlich auch jene, die ihm letztlich das Leben kostete. Aber Max war nur Max, weil er so war und nicht anders. Und wäre Max denn unser Max gewesen, wenn er nicht der Vollgas-Max gewesen wäre? Der Wenns und Abers gibt es viele, und jedes fügt einen Stein ins Mosaik, doch keines gibt uns Max zurück.

Es gilt, der Trauer über die unbekannte Zahl vorenthaltener Jahre die neun geschenkten Jahre abzutrotzen, den Schmerz zu besiegen, der am Glück der Erinnerungen wächst.
Es gilt, den Jahren mit Max Gesichter zu geben. So wie Zahlenakrobaten den Zahlen Bilder zuordnen und Geschichten daraus knüpfen, gilt es für uns, die Jahre mit Max in Gesichtern zu leben, sie Menschen und Freunden zuzuordnen, sie zu halten und zusammenzuhalten, sie zur Geschichte unseres Max‘ zu knüpfen: ein bunter Teppich fröhlicher Gesichter. So bliebe Max über seinen Tod hinaus, was er Zeit seines Lebens war – ein großer Kommunikator und ein Menschenfänger.

In seinen Kindern lebt er weiter. Wie schön, dass sein gelungenstes Replikat in unserem Hause lebt.


Wir danken Dr. Schiele und seinem Team, die mit Herzblut, Empathie und weit über das normale Maß hinausgehendem Einsatz um Maxens Leben gekämpft haben, aber wieder einmal erleben mussten, dass ärztliche Kunst, und sei sie noch so hochkarätig, eine auf Widerruf ist.
Wir danken unseren Töchtern sehr herzlich, die in der Zeit unserer Abwesenheit, Haus und Pferde versorgt und Cento eine Heimat gegeben haben. Fam. Polonius in Aschau danken wir von ganzem Herzen dafür, dass sie mit ihrem ärztlichen Rat Max noch einmal eine echte Chance gegeben und uns beherbergt haben. Ein aufrichtiges Dankeschön allen Freunden, die uns in schwerer Zeit begleitet und gestützt haben. Und ein bedauerndes Dankeschön an Max‘ Freundin Franzi, die, ohne zu Murren, für Max ihr Bestes gab, nämlich ihr Blut, ihm aber dennoch nicht mehr helfen konnte.